Chancen vs. Risiken - Ein schiefes Bild von Gemeinsamkeiten zwischen Datenschutz und Sex

Klaus Peukert » 12 April 2011 » in Politisches » 0 Kommentare

Frank Rieger und Constanze Kurz zitiert der Stern so:

Scharf kritisiert wird von den Autoren die unter dem Schlagwort «Post-Privacy» entstandene Strömung, die den Schutz der Privatsphäre in der Internet-Gesellschaft für überholt erklärt. Wegen der Verflechtung von Informationen im Netz könne der Umgang mit Anhängern dieser Richtung, so meinen Kurz und Rieger, «im Ernstfall ähnlich riskant sein wie intimer Umgang mit habituellen Safe-Sex-Verweigerern».

Schlipsnerd so:

"...habituelle Safe-Sex-Verweigerer" nennt man neun Monate später Eltern. Nur so ein Gedanke

Ich so, im ersten Impuls:

Treffer, versenkt

Klar, das ist zunächst sehr vereinfacht, aber ich finde es auf den zweiten Blick ein schönes Gleichnis, wie durch einen etwas anderen Fokus aus einem Risiko, was keiner je eingehen sollte, viel größere Chancen werden, wenn man mal nicht nur einen riskanten Teilbereich, sondern die positiven Auswirkungen des Ganzen sieht (ohne die Augen vorm Risiko zu verschließen). Klar, der ungeschütze Fick mit der Crackhure im Bahnhofsgebüsch ist riskant. Aber ohne ungeschützten Sex (mit meiner Frau! im Schlafzimmer! Herrje, packt Eure Assoziationsketten ein...) gäbe es meinen Sohn nicht.

Ja, von ungeschütztem Sex kann man sich nen Tripper oder andere, unangehmere Dinge einfangen. Aber er ist auch Vorraussetzung und Bedingung (wenn wir Retorten- und Reproduktionsmedizin mal als technisch möglich, aber gesellschaftlich nicht allzu weit verbreitet, außen vor lassen) für die erwünschte Fortpflanzung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und der Menschheit. Und jeder der ungeschützten Geschlechtsverkehr per se verbieten wollen würde, würde ziemlich scheel angeschaut werden. Und womit? Mit Recht! Nur weil geile Idioten triebgesteuert über den Bahnhofsstrich schnüren, verbieten wir dem funktionierenden und sich vertrauenden Paar doch nicht, Kinder auf dem biologisch üblichen Weg zu bekommen.

Beim "Datenschutz" machen manche aber genau das. Statt aufzuklären und "digitale Kondome" zu verteilen, verteufelt man viele Dinge, die zwar grundsätzlich ein Risiko innehaben (Datenklau! Mobbing! Partyfotos! Jobverlust!) aber auf der anderen Seite unglaublich mehr Chancen bieten. Meinen neuen (und extrem lässigen) Job hätte ich ohne Twitter nicht bekommen, denn der Erstkontakt entstand darüber. Wir sollten bei vielen Dingen mehr an die Chancen denken und schauen wie wir diese nutzen können. Klar, über Risiken müssen wir aufklären und die Leute ent-entmündigen (sic!). Machen wir bei Sex ja genauso. Sexuelle und informationelle Selbstbestimmung halt.

Aber bitte nicht mit einem Kissen aus weitreichenden Verboten und Regelungen die Chancen mal eben ersticken, weil ne Handvoll Kleingärtner sich von Hausfassadenfotos im Netz gestört fühlt. Oder, wie eben unabhängig von dem Post hier grad auf Twitter gelesen:

Tja.

Treffer, versenkt

"Datenschutz" im Jahr 2011

Klaus Peukert » 11 April 2011 » in Politisches » 2 Kommentare

Auch wenn es vielleicht nicht ganz so schlimm wird, wie es aussieht und Google StreetView (in Deutschland) nicht langsam sterben läßt: Wir Deutschen

  • haben jeder eine über die Hintertür "Steuer-ID" eine Personenkennziffer bekommen, auf die man nach Erfahrungen im 3. Reich und DDR eigentlich verzichten wollte und der das BVerfG (AFAIK sogar mit dem Urteil zur informationellen Selbstbestimmung) eine Abfuhr erteilt hat.
  • lassen unsere Fluggastdaten an die USA übermitteln, ohne das es außer ner Handvoll Blogger jemanden interessiert
  • geben den USA Zugriff auf unsere SWIFT-Bankdaten und lassen diese unkontrolliert abschnorcheln
  • müssen als Arbeitnehmer vor Tante ELENA die Hosen runterlassen ohne uns dagegen wehren zu können
  • müssen als Hilfebedürftiger nicht nur vor ELENA sondern auch vor Christel von der Arbeitsagentur uns richtig nackt machen
  • lassen und unter Androhung 5stelliger Bußgelder wieder volkszählen und den Staat mal eben alle Datenbanken zusammenschmeißen
  • lassen den Staat auf unsere Bankkonten schauen
  • leben damit, das die kommunalen Meldeämter unsere Adressen verkloppen, damit der GEZ-Fuzzi weiß, wo er als nächstes klingeln muss
  • und so weiter und so fort.

Es gäbe einen Arsch voll Arbeit für Datenschützer zu tun. Aber was machen die "Hauptamtlichen Datenschutzhysteriker und Einwilligungsinformatiker" (danke an Kris für die Idee eines neuen vCard-Titels) im Jahre 2011 in Deutschland? Wogegen davon engagieren und wovor davon schützen sie uns ganz konkret? Sie ereifern sich darüber, das beim Surfen "IP-Adressen nach USA übermittelt" werden, "kämpfen" gegen Google und Facebook als wären Schmidt und Zuckerberg Inkarnationen von Voldemoort persönlich und haben nichts Besseres zu tun als die Privatsphäre von Hausfassaden(!!!!!111elf) zu schützen.

ELENA? Klar. SWIFT? Naja, nicht schön, aber was will man machen. Steuer-ID aka PKZ2.0: Mei, wir haben halt keine Handhabe. Aber wehe ein privates Webforum wagt es Werbung zu schalten und "IP-Adressen zu übermitteln". Da feiert der Adminarsch aber Kirmes, da wird draufgekloppt als gäbe es kein Morgen. Schließlich muss die Privatsphäre der Forenuser gegenüber Google geschützt werden, sind die ja zu doof Cookies zu sperren oder nen AdBlocker zu benutzen. Das BDSG erwartet schließlich ein schriftliches Triple-OptIn per PostIdent, wenn man mal nen Blog kommentieren will. Alles andere ist ein Datenschutz-GAU.

Tut mir leid liebe sogenannte "Datenschützer", aber

  • solange ihr nicht mehr auf der Pfanne habt, als "Datenschutz ist so, Internet ändern"
  • solange meine Gehalts- und Anwesenheitsdaten ans staatliche ELENA gehen
  • solange die USA wissen wem ich Geld überweise und was ich im Flieger nach Hamburg esse
  • solange ich Sachbearbeitern bei der Arbeitsagentur erklären muss, warum da ne 4 Monate alte Überweisung von eBay aufm Konto ist
  • solange ihr Euch auf einfache, aber für den Schutz meiner persönlich(s)ten Daten insbesondere gegenüber dem Staat völlig uninteressante Nebenkriegsschauplätze zurückzieht
  • solange es für Euch wichtiger ist Eure Existenz mit solchen Nebelkerzen zu rechtfertigen:

So lange werde ich Euch nicht ernst nehmen.

Macht Euch nützlich statt lächerlich!

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