Bei Piratens gibts neben den vielen kleineren und größeren Streitereien eine aktuelle "Konfliktlinie" zwischen Leuten, denen kein Konzept detailliert genug sein kann, bevor man dessen Umsetzung fordert und Leuten, die sich lieber große und hehre Ziele auf die Fahnen schreiben wollen und dann überlegen wie sie diese erreichen können. Nicht ganz überraschend bin ich eher bei denen, die erstmal ein Ziel festlegen wollen und dann schauen wie man dahin kommt. Was mir nie so richtig klar wird: Wovor haben die "Bewahrer" denn Angst? Was haben wir denn zu verlieren, wenn wir keinen taggenauen Projektumsetzungsplan vorlegen können?
Genau nichts. Herrje, wir sind eine grad mal 2%-Partei. Wir können von Glück reden, das wir mittlerweise überhaupt bundesweit ansatzweise bekannt sind und sogar teilweise ernst genommen werden. Ob wir bei den
nächsten Wahlen dann 2,1% oder 1,2%
bekommen, das ist doch Wumpe. Unsere Forderungen müssen wahrgenommen und umgesetzt werden! Hieß es nicht mal "Unser Ziel ist, uns selber überflüssig zu machen"? Das schaffen
wir mit Sicherheit nicht, indem wir einfach andere Parteien nachbauen und hier und da nen Komma anders setzen.
Vertrauen,
Verantwortung, Mut, Risikobereitschaft, die Möglichkeit des Scheiterns, aus Fehlern lernen, besser werden und weitermachen , das sind die Dinge an denen wir uns ausrichten sollen. Nicht, nach dem was "medial erwünscht" sein könnte. Wir setzen uns doch nicht ins öffentliche Bewußtsein weil wir sagen "Klingt ja nett, aber dazu wollen wir Dir, lieber interessierter Bürger, erst was sagen wenn wir in 2 Jahren alles 'durchgerechnet' haben". Das haut doch keinen vom Hocker und es lockt vor allem keinen Nicht-Wähler hinterm Ofen vor. Wir
müssen anders, wir müssen besser als die Altparteien sein, wir müssen
eine echte Alternative werden. Und das werden wir nicht, wenn wir
Interessenten und Bürgern dieselben Instrumente und Inhalte wie andere Parteien anbieten und der
Bonus dann halt ne offene Mailingliste und ein kostenloser Wiki-Account
ist.
Nur ein "best-of" der etablierten Parteiprogramme reicht eben nicht. Wird nicht reichen. Kann nicht reichen. Die Programme der Etablierten sehen teilweise auf dem Papier ja sogar verünftig aus (jaja, für recht unterschiedliche Werte von vernünftig). Und? Was nützt das? Gar nix, weil die Etablierten dann halt doch drauf scheißen. Die Taten zählen. Beispiel Mindestlohn? Immer wieder ne lohnenswerte Forderung. Wenn man in der Opposition ist. In der Regierung verhindern "Sachzwänge" dann die Umsetzung. Is klar, ne. Die Bürger wollen jetzt eine Alternative. Die Bürger wollen jetzt wissen, wer diesen Politikzirkus aufmischen und mit ehrlichen und fortschrittlichen Konzepten für die Zukunft. Und das sollten wir sein.
Wir haben doch nichts zu verlieren. Gar nichts. Nada. Niente. Wir können nur
probieren. Wir können scheitern, klar, aber ohne es probiert zu haben, werden
wir nie wissen ob unsere "Utopie", unser Weg, unsere neuen Konzepte nicht doch die richtigen waren. Laßt es uns einfach versuchen. Laßt uns doch mutig sein. Wir haben nichts zu verlieren. Wenns schiefgeht, dann schauen wir was falsch war und machens dann besser. Wir können dort anfangen, dort loslegen, wo die Etablierten seit Jahren und Jahrzehnten zaudern. Wir können durchziehen was die Etablierten nur halbherzig fordern und dann auch nur wenns ihnen opportun ist. WIR können die Alternative sein, die viele Bürger herbeisehnen.
Und wenns schiefgeht: Na und? Was haben wir zu verlieren? Wir sind eine Kleinpartei und wären es dann eben mmer noch. Klar, wir können auch weiter sagen "Veränderung braucht Zeit". und den "notwendigen internen konstruktiven Diskurs" bis zu St. Nimmerlein führen. Na klar braucht Veränderung Zeit oder denkt ihr morgen kommt der heiße EarlGrey ausm Replikator, weil wir heute sagen das wir ein BGE knorke finden? Unsinn. Manches was wir wollen und fordern können, etwa eine grundlegende Veränderung der demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten wird Generationen dauern. Na und? Veränderung braucht aber auch Mut und braucht Leute die die Veränderung wollen! Und wir sollten diejenigen sein, die diese Veränderungen anstoßen. Und der Wähler will kein auf vier Nachkommastellen perfektes BGE-Konzept, der will einfach wissen wem er zukünftig vertrauen kann, und wer so ein Konzept basteln kann.
Wir können natürlich erstmal weiter an unserer internen Orga feilen, bis auch der letzte Nerd ob des wiki-gewordenen technokratischen Traums feucht im Schritt wird. Aber interessiert das irgendjemand da draußen? Nö. Wollen wir den Bürger am Infostand damit überzeugen, das unser internes Meinungsbildungstool einen solch perfekten Datenschutz bietet, das der handelsübliche Paranoiker vor Sabbern nicht in den Schlaf kommt? IEKS. Interessiert Eh Keine Sau. Wir können aber die Dinge vorantreiben, an die sich sonst keiner wagt. Und damit die Etablierten vor uns her treiben. Die Linken haben jetzt angefangen ein LiquidDemocracy-Tool zu nutzen? Und wir? Diskutieren ob wir unseres wieder abschalten. Große Klasse.
Die Leute da draußen, in diesem großen Raum, mit der hohen blauen Decke und dieser grellen Kernfusionslampe, die Leute dort wollen und brauchen Alternativen. Auf wen sollen sie denn setzen, wenn nicht auf uns? CDU/CSU? Na klar doch. SPD? Gibts die noch? FDP, die wandelnden Lobbygecken? GRÜNE? Diese machtgeilen Polithuren? Die LINKEN? Die VIOLETTEN oder die Yogi-Flieger? Nein, unter den Etablierten ist nichts womit man auch nur am Rande klarkommen könnte, was auch nur minimal einen Weg zur Veränderung aufzeigen würde. Die Bürger sind angekotzt und verstehen sehr genau, das sie verarscht werden.
Und wenn wir den "Großen" einfach nur nacheifern, wenn wir letztlich nur eine schlechtere Schüler-UNO werden, die sich gegenseitig totquatscht, wenn die Etablierten im Gegensatz zu jetzt vor uns keine Angst mehr haben müssen, wenn wir weiter nur im eigenen Saft schmoren und im "Lieber mal noch nix sagen"-Ofen garen wollen: Macht ihr mal.
Aber ich mach mir dann ne eigene Piratenpartei.
Mit Blackjack. Und Nutten.
Wer noch?