Was ist hier eigentlich grad los?
- ein verbessertes LiquidFeedback
- einen transparenteren Vorstand
- eine Unterstützung der Debatte über wichtige, noch offene Fragen dieser Partei
und dazu das Backup des Generalsekretärs sein, sowie von Schwan als Schatzmeisterin technisch unterstützen und dann mal sehen, welcher Kleinkram mir noch aufs Auge gedrückt wird. Schön und gut, hübsche überschaubare Aufgaben und ein knorke Team. Läuft. (Wenn ich gewählt werde, da war ja noch was vorher).
Und eigentlich dachte ich, das wir über diese Dinge reden, ob sie sinnvoll sine, wie man sie sinnvoll umsetzt, darüber was der neue Vorstand besser machen muss, was er weiterführen kann und so weiter. Und jetzt reden wir seit fast zwei Wochen nur noch über Nazis, Sexisten und Rassisten in den Piraten und irgendwie ist das tagtägliche Aufzeigen unserer Probleme im Umgang mit den zahlreichen (*hust*) Einzelfällen (*hust* *hust*) massiv vorherrschendes Thema.
Offener Brief der JuPis (gute und wichtige Sache), Relativierung und Abwinken von "oben" (schlechte Sache), dann der Nichtrauswurf von Thiesen. Höhepunkt gestern ein Interviews meines geschätzten Mitbewerbers Kungler mit dem ND, in dem er neben der unsäglichen Relativierung von Nazigewalt sich nicht entblödet als besonders positives Beispiel für unsere Problemlosigkeit herauszustellen, das wir ja ne Jüdin sogar in den Vorstand gewählt haben und das es deswegen keine Kritik gibt und deswegen bei uns alles töfte ist.
Heute dann weiter mit dem Backlash des Wutbriefes von HaSe inkl. Rücktrittsforderung und dem ganzen Programm. Offene Briefe, Offene Antworten, Wikiseiten, Presseberichte und dem übliche "Du bist doof" - "Du aber auch" - "Aber Du hast den Pfad der Demokratie verlassen, älläbätsch"-Spielchen auf Twitter, yadda yadda yadda. Ich bins leid und ich ärgere mich, das ich mich immer noch davon mit anstecken lasse.
Das Thema "Rassisten unter Piraten" ist ein sehr wichtiges und es ist auch wichtig, das wir Einzelfälle nicht unter den Tisch kehren und nicht bagatellisieren und uns nicht mit "Nönö, kein Problem, alles OK, nur die 10% Idioten, unsere Kleinen übertreiben mal wieder und außerdem is unsere Chefin ne Jüdin" aus der Affaire winden. Aber das kann doch nicht plötzlich 100% unserer politischen Aufmerksamkeit erfordern müssen.
Ist es zuviel verlangt, das wir uns mal kurz klar werden, das wir (bis auf eine Handvoll (OK, ne große Hand...) Irre) alle so prinzipiell Nazis und Rassisten Scheiße finden aber das wir in dieser ach so freiheitlichen pluralistischen meinungsfreiheitüberalleshochhaltenden Partei verschiedene Umgangsweisen damit haben und da sowohl eine gewisse "laissez-faire"-Haltung gegen braune Brüder aber auch eine mehr als klare Kante gegen dieselben Brüder mit reinpasst?
Wir können doch nicht Meinungsfreiheit für die Thiesens dieser Partei einfordern, aber dann denen, die sich auf der anderen Seite des parteiinternen Spektrums befinden, genau ihre Meinung ("Nazis sind Scheiße, raus aus meiner Partei") verbieten. Wir können doch nicht bei jedem "Einzelfall" um Verständnis und Dialogbereitschaft und wohlwollende Interpretation bitten, diesen Dialog aber den Pirantifas verweigern.
So gut wie alle haben bisher noch jede Erklärung gegen Nazis, Rassisten etc. unterschrieben, Anträgen zugestimmt usw. Irgendwas muss da doch noch da sein, was uns ein wenig eint. Ja, das Handeln Einiger passt je nach Maßstab nicht zu den hehren Erklärungen und ich finds scheiße, das so viele den Anwendungsbereich von Grundrechten "falsch verstehen", aber mei. Wir sind unterschiedliche Menschen und wir haben unterschiedliche Lösungen und Auffassungen.
Ist es so verdammt schwer, uns wenigstens so weit zu besinnen dass wir uns nicht gegenseitig tagtäglich neue Knüppel zwischen die eigenen Beine werfen, im Kampf darum, wer nun den hübscher glitzernden Stein der Weisen in der Frage "Wie schlimm genau sind Nazis und Rassisten?" erfunden hat? Die einen finden Bodo Thiesen extrem ungeil und möchten ihm die Tür weisen, andere würden "ihr Leben dafür geben, damit er seine Meinung sagen kann".
Keiner von uns hat den Stein der Weisen oder die superdufte Weltformel für diese Partei gefunden (jaja, ich auch nicht). Ja, ich finds auch sehr schwer erträglich, das Bodo mitm Piratenausweis in der Brusttasche unter meine "Klare Kante gegen Nazis"-Ansage die Nazitoten gegen Kriegstote in Afghanistan aufrechnen darf. Das Einzige was mich dabei tröstet, ist die Tatsache, das der Mann in dieser Partei außerhalb seines lokalen Buddydunstkreises nie wieder einen Fuß auf die Erde bekommen wird.
Und ja, es ist schwer dran zu glauben oder zu vermitteln, daß "die bei uns eh keine Chance" haben, wenn dann tagsdrauf doch wieder nen Einzelfall aufpoppt, wo man sich fragt warum nun der nächste Elefant durch den politischen Porzellanladen trampelt. Auf der anderen Seite wäre es sehr knorke, wenn nicht jeder Pirat, der sich über das übliche Maß hinaus antifaschistisch engagiert oder äußert, als "Invers-Nazi" oder das eigentliche Problem tituliert werden würde.
Also können wir dann mal eben alle verdammt tief Luft holen und schauen, obs nicht da hinten in ner Ecke noch ne Handvoll Rest-Gemeinsamkeiten gibt? Irgendwas war auch mit nem neuen Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung (was macht eigentlich die Gruppe 42?) die letzten Tage. Irgendwo ist auch noch Wahlkampf und wir sitzen bald in zwei weiteren Landtagen, hab ich mir sagen lassen.
Können wir mal so langsam diese "Es ist wohl Vollmond, wir müssen alle komplett austicken"-Panik wieder ablegen, kurz nachdenken, was wir hier eigentlich wollen (Nazis gehören übrigens nicht dazu) und uns dann wieder darum kümmern, das wir weiter dieses Land zum Besseren verändern? Gemeinsam? Oder wenigstens nebeneinander?
Geht das?
Wir stehen zweistellig im Bund in Umfragen, das sind mal eben fünf Millionen Menschen, die ihr Vertrauen in uns setzen. Das ist bei aller Unverbindlichkeit von Umfragen eine verdammte Verantwortung die wir da haben, also sollten wir uns mal am Riemen reißen, den Umgang mit unseren braunen Schafen in den Griff kriegen und dann wieder die geile Politik machen, die unsere Antwort auf die Frage "Warum machen wir das eigentlich" ist.





