Drosselbande

Klaus Peukert » 24 April 2013 » in Politisches » 4 Kommentare

Weil es in meinem letzten Beitrag vom März nicht gut genug rauskam, hier nochmal. In der Debatte um die "Telekom-Drossel" gibt es drei Ebenen, die man voneinander unterscheiden muss:

Die Drossel an sich

Wenn die Telekom Volumentarife anbietet, dann ist das vielleicht unternehmerisch und für den Kunden doof aber keine Verletzung der Netzneutralität. Es wird halt entweder langsamer oder teurer. Wenn HaSe hier Recht hat, dann sind Volumentarife im Gegensatz zu Flatrates dem Netzausbau sogar förderlich, weil bei ersterem der "Wir müssen ausbauen"-Druck auf die Netzbetreiber steigt.

Bevorzugung von Diensten

Wenn plötzlich Spotify, Entertain (aktuell schon der Fall) oder später Skype, Youtube, netflix und andere Dienste bevorzugt bzw. von der Drosselung ausgenommen werden, weil/wenn entweder die Contentanbieter dem Netzbetreiber Wegzoll entrichten müssen, oder die Kunden des Netzbetreibers abkassiert werden, dann ist das ein Problem.

Je nachdem wie man sich nun Netzneutralität definiert immer noch keine Verletzung derselben (weil nix abgeblockt und keine Kommunikation verhindert wird), aber um ehrlich zu sein: Wirklich "neutral" ist daran nix mehr. Im aktuellen Fall haben wir hier also ein Problem, weil man dann irgendwann ein "Grundinternet" hat und für Skype, SocialMedia, OnlineTV usw. dann jeweils nen Extrapaket buchen muss. Das wäre doof.

Man könnte noch über Feinheiten reden, dass T-Entertain ja kein "Internet", sondern ein "interner" Dienst ist (technisch ist das auch so) und man daher das "Internet" auch nicht kaputt macht, sondern einen Nicht-Internetdienst separat anbietet und halt unabhängig vom Internetvolumen abrechnet, aber das lassen wir hier mal weg.

Deep Packet Inspection

Das Böse schlechthin. Jemand schaut direkt in die Übertragungsinhalte (liest also nicht nur die Anschrift aufm Briefumschlag, sondern auch das, was im Umschlag steckt) rein und popelt sich genau das raus, was tarzun grad auf Youporn anschaut, protokolliert es, meldet es oder blockt es. Das ist in der aktuellen Debatte offenbar nicht der Fall. Merken wir uns als "Böse. Will man nicht. BÖSE!" und lassen es aus der Telekom-Drossel-Netzneutralitäts-Debatte raus und behalten es im Hinterkopf.

Das Bonuslevel

Wißt ihr noch? Voss gegen Telekom? In den 90ern hat Robin Hood Holger Voss die Telekom gezwungen, seine Verbindungsdaten nicht zu speichern, weil das bei seiner Flatrate unnötig ist. Eines der Grundsatzurteile in der Vorratsdatenspeicherungdebatte. Wenn es nun aber statt Flatrates wieder Volumentarife gibt, dann sind die Verbindungsdaten wieder rechnungsrelevant und die Provider dürften speichern, wer wann welche IP-Adresse hatte.

Da haben wir dann obenauf also gleich noch die Debatte, ob die dann vermutlich wieder "erlaubte" Speicherung der Zuordnung einer IP-Adresse zu einem Kunden zu einem bestimmten Zeitpunkt zu den Bestandsdaten (weniger problematisch) oder zu den Verbindungs-/Bewegungsdaten (sehr problematisch) gehört. An der Stelle hab ich ja bekanntermaßen eine differenzierte Position und bin da eher auf der Linie von Alvar Freude, aber "VDS durch die Hintertür" hab ich gestern schon irgendwo gehört.

Zusammenfassung

Drei Ebenen + Bonus: Drossel, Bevorzugung, DPI, IP-Speicherung. Nicht miteinander einfach so miteinander vermischen bzw. wissen, was man wo wie meint.

  • Drossel: für flatrategewohnte Powerkunden doof, aber keine Verletzung der Netzneutralität.
  • Bevorzugung: Nicht neutral, tatsächlich ein Problem. Möglicher Dammbruch, weil man perspektivisch nur Basisinternet + Zusatzpakete bekommt
  • DPI: Spielt im Telekomfall keine Rolle, ist aber trotzdem Böse, Böse, Böse
  • IP-Speicherung: Bei Nicht-Flatratetarifen ist Speicherung idR zulässig, Thema hat daher lose Verbindung zur VDS-Debatte

Wie löst man das? Zum einen politisch, irgendwo im TKG steht, dass die Regulierungsbehörde ne entsprechende Verordnung zur Netzneutralität festlegen kann. Als Kunde: Wechseln zu einem Provider, der so nen Scheiß nicht macht (eher schwierig). Oder man baut sein eigenes Netz. Wie das geht, kann man nächste Woche in Leipzig bei den dortigen Piraten lernen.

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4 Kommentare zu "Drosselbande"

Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)
  1. JoKnopp
    24/04/2013 um 17:59 Permalink
    Bei der Drosselung würde ich nochmal zwei Fälle unterscheiden:
    1. "Es wird halt entweder langsamer oder teurer."
    2. "Es wird halt funktional kaputt oder teurer."

    Was meine ich damit? Wenn Drosselung bedeutet, dass mein Internet de facto unbenutzbar wird — VoIP geht nicht mehr, Bilder laden ewig (z.B. auf Facebook), oder man kann innerhalb von $sinnvolleZeit keinen Podcast hochladen — dann ist das nicht hinnehmbar. Ich wäre von kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, wenn mein Budget nicht mehr Volumen zulässt. Also ist der erste Fall ärgerlich, der zweite allerdings nicht hinnehmbar.

    Wo da die Grenze liegt ist natürlich zu definieren. Es lohnt sich aber sicherlich darüber nachzudenken, was eine sinnvolle Mindestbandbreite wäre.

    Antwort

  2. tarzun
    24/04/2013 um 19:31 Permalink
    Naja, "funktional kaputt". Es gibt immer noch Gegenden, die froh wären, wenn sie überhaupt 384 kBit/s bekämen. Das ist immerhin noch 6x ISDN und damit sind wir ne ganze Weile ziemlich gut klargekommen, darf man ja auch nicht vergessen. Das ist schon ein ziemlich hohes Niveau, auf dem wir da meckern...

    Antwort

  3. JoKnopp
    25/04/2013 um 00:41 Permalink
    "damit sind wir ne ganze Weile ziemlich gut klargekommen" - Dass es woanders noch kein schnelles Netz gibt hat nichts damit zu tun, dort wo es schnell ginge den Durchsatz runterzufahren. Nur weil irgendwo noch mit Eselkarren gefahren wird, muss ich mir noch lange nicht gefallen lassen, dass mein Auto nach X Kilometern nur noch 384 Meter pro Stunde statt 50km pro Stunde fährt, denn dann ist es: funktional kaputt.

    "Das ist schon ein ziemlich hohes Niveau, auf dem wir da meckern... " - tschuldige, aber ne. Das Internet ist gerade das Ding, das die Welt umkrempelt. Nichts hat sich so schnell etabliert und die Gesellschaft verändert (hey, man munkelt es hat sich aus dem kulturellen Umbruch heraus sogar ne Partei gegründet!). Das ist noch jung und wächst. Die Menschheit hat doch gerade mal den Fuß ins unbekannte Wasser gesteckt. Solange wir technisch nichtmal das Ende der Fahnenstange in Sicht haben, gibt es keinen Grund langsamer zu klettern.

    Die Telekom will künstlichen Mangel verwalten anstatt ihn zu beseitigen, während in Japan oder Südkorea Ethernetdosen mit 1GBit(!) beim Endkunden ankommen. Ja nicht flächendeckend und auch nicht mit Deutschland direkt vergleichbar, aber da wo es geht ist das so, weil die das wollen! Deutschland will offensichtlich nicht, weil sonst die Gewinnspanne kleiner wäre. Aus Sicht der Telekom ist das verständlich. Als Gesamtwirtschaft und eben auch als Gesellschaft ist dieses Bekenntnis zur Stagnation fatal. "Hauptsache besser als der Eselskarren" kann's nicht sein.

    (Wer zu viele Metaphern findet, darf sich freuen, dass die meisten keine nautischen waren)

    Antwort

  4. tarzun
    25/04/2013 um 09:02 Permalink
    Herrje. Ich will die Telekom doch gar nicht verteidigen, nur die verschiedenen Ebenen entzerren, weil es niemandem hilft, wenn wir bei "OMG die machen mich langsam" die Netzneutralitätskeule schwingen, erst recht nicht der Netzneutralität. Und, aber da kann man gern anderer Meinung sein, die Aufregung ein wenig einordnen, denn 384kBit *sind* langsam, aber das bombt das Internet halt auch nicht in die Steinzeit zurück, wie es teilweise suggeriert wird.

    Antwort

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