Netzneutralität

Klaus Peukert » 22 März 2013 » in Politisches » 4 Kommentare

Soso. Die Telekom wird mal wieder evil und will plötzlich das umsetzen, was sie seit Monaten in ihre Verträge schreibt und DSL-Anschlüsse nach Aufbrauchen eines bestimmten "Internetverbrauchs" die Geschwindigkeit drosseln. Das ist jetzt nicht die schlaueste Idee, ist man sowas doch von Festnetzinternet nicht wirklich gewohnt, außerdem tritt man so seine Kunden in den Arsch. Damit "legt die Telekom die Axt an die Netzneutralität" habe ich heute gelesen. Nun, was ist jetzt eigentlich Netzneutralität?

Stellen wir uns mal ganz dumm und nehmen eine Autoanalogie: Bis auf Ausnahmen darf man die Straßen dieses Landes nutzen, egal womit, egal zu welchem Zweck. Egal wer die Straßen gebaut hat und egal wer die Schlaglöcher flickt. So ähnlich ist das auch auf der (Achtung: Wortspiel!) Datenautobahn. Jeder darf drauf und jeder darf von überall nach überall und darf erstmal alles machen. Das ist die klassische Definition von Netzneutralität: Die Provider transportieren alles, ohne Rücksicht auf den Inhalt, das Pornovideo, die Hausarbeit, das Katzenbild oder den neuesten Beitrag der Alphablogger.

Die Telekom nun macht folgendes: Wer im Monat schon 30mal über die Autobahn gebrettert ist, der darf weiter fahren, aber nicht schneller als. Warum man fährt und was man transportiert ist immer noch egal. Das Katzenbild kommt also etwas später an. Ihr merkt: Hier wird nicht inhaltlich eingegriffen und alle Internetinhalte sind weiterhin verfügbar. Das ist auch keine gar so ungewöhnliche Technik, so können per "Quality of Service"  bestimmte Internetdienste (Echtzeitübertragung von medizinischen Daten, Internettelefonie u.ä.) tatsächlich priorisiert werden. Der Dienst "Livevideo" kriegt also nen Blaulicht und nen Martinshorn und darf über die Datenautobahn brettern, der Rest muss halt mal kurz ranfahren.

Was  die Telekom macht heißt "traffic shaping", "Bandbreitenbegrenzung", Drosselung usw. Das ist jetzt erstmal unangenehm (wenn mein Smartphone nur auf GPRS läuft und die Bahnauskunft dann nicht mehr geht könnte ich ausrasten), aber das ist im Sinne der obigen Definition von Netzneutralität immer noch neutral, weil der Provider inhaltsunabhängig  arbeitet. Ja, dabei besteht natürlich die Gefahr (und mit "langsamen Youtube" und "kostenlosem Spotifytraffic" gibts auch die ersten Beispiele dafür), dass man am Ende da landet, das man zwar Internet hat, aber für alles interessante (Filme, iTunes, Streams aus den Parlamenten) nochmal extra löhnen darf oder gar für bestimmte Dienste ein Extra-Abo abschließen darf ("Youtube-Package", "Skype-Paket" ihr erkennt die Richtung).

Bei diesen Bonusleveln schaut die Telekom aber immer noch nicht in die Daten rein, sondern kuckt nur, von welcher Auffahrt sie kommen und sagt "Du kommst vom iTunes-Hof und willst zu Peukert ins Wohnzimmer? Du darfs lospreschen, der Peukert hat das Youtubepaket". Das klingt jetzt auch nicht sonderlich "neutral" ist aber keine Verletzung der klassischen Definition von Netzneutralität, weil ja immer noch keine Inhalte angefasst oder angesehen werden. Da wird auch nix zensiert, mitgelesen, abgeschnorchelt oder sonst an Inhalten manipuliert.

Was normalerweise mit einer "Verletzung der Netzneutralität" gemeint wird, ist das Reinschauen in die Internetdaten und feststellen "Facebook? Herr Peukert? Das hatten wir ihnen doch aber verboten!" und das ist echt ne eklige und fiese Sache, weil es plötzlich nicht mehr darum geht wieviel Internet ich nutze, sondern was ich da mache. Und das geht weder den Staat noch den Provider etwas an. Und schon gar nicht soll der irgendwie bestimmen dürfen, was ich mir in diesem Internet anschauen darf und was nicht.

Wir haben also drei Ebenen:

  • das Trafficshaping beim User, wenn er eine bestimmte Menge an Daten übertragen hat, wird der Rest langsamer, inhaltlich ändert sich aber nix. Bisher üblich bei mobilem Internet, jetzt auch Tisch für Telekom-DSL.
  • Vereinbarungen zwischen Providern und Dienstebetreibern, wo der eine dem anderen sagen kann "Bei uns gibts nur Fullsped wenn Du dafür zahlst", ansonsten gilt für Dich "(80 und mehr nicht), also sowas wie Terminierungsentgelte beim Telefonnetz.
  • Beobachten, Manipulieren und sonstnochwas von Internetinhalten mit "Deep Packet Inspection" (DPI), ner ziemlichen Sauerei.

Das wird leider immer vermischt und vielleicht schaffen wir es ja, in der Debatte irgendwie die Begrifflichkeiten sauber auseinander zu halten (ich bin ja so naiv).

Also. Das Trafficshaping beim User, ja mei. Ich finds auch blöd und 100/100MBit unlimitiert ins Wohnzimmer wären schon geil, aber wenn jeder ohne Probleme mit einem gedrosselten Handyvertrag klarkommt, dann ist die Empörung über die "plötzlichen" Pläne der Telekom irgendwie unglaubwürdig. Wo man noch ansetzen könnte wäre bei letzterem, ich hab nämlich keinen Bock auf ein Internet a'la Sky, wo ich mir die guten Sachen in irgendwelchen Paketen zusammenklicken muss. Hier wären mal definitive und gesetztliche Breitbandstandards sinnvoll, die auch bei Streits ums "Terminierungsentgelt" nicht unterschritten werden dürfen.

Die Ablehnung, Nichtanschaffung, das Verbot von DPI usw, dass ist in der Tat unheimlich wichtig, denn keinen Provider und keine Behörde geht es  etwas an, auf welchen Seiten ich mich rumtreibe und erst recht gehört  daran nicht rumgefuschelt, Inhalte verändert und ausgelesen und was für  Schweinereien mit DPI noch gehen. Diese Netzneutralität muss unter allen Umständen bleiben. Hier gibt es übrigens das persönliche Wort vom Telekom-Obermotz, das so etwas nicht, nie und nimmer kommen wird

P.S. Danke an Kristian Köhntopp für die Inspiration zu diesem Beitrag, der diese Unterscheidung von "Neutralitäten" vor längerem mal viel erklärbäriger aufschrieb, dessen Blog auf Grund diverser dämlicher gesetzlicher Rahmenbedingungen dieses Landes von uns gegangen ist.

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4 Kommentare zu "Netzneutralität"

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  1. Cybso
    22/03/2013 um 21:32 Permalink
    Bei diesen Bonusleveln schaut die Telekom aber immer noch nicht in die Daten rein, sondern kuckt nur, von welcher Auffahrt sie kommen und sagt "Du kommst vom iTunes-Hof und willst zu Peukert ins Wohnzimmer? Du darfs lospreschen, der Peukert hat das Youtubepaket". Das klingt jetzt auch nicht sonderlich "neutral" ist aber keine Verletzung der klassischen Definition von Netzneutralität, weil ja immer noch keine Inhalte angefasst oder angesehen werden.

    Dass widerspricht aber der Definition von Netzneutralität, mit der ich "aufgewachsen" bin. Tatsächlich verstehe ich die Netzneutralität so, dass sich der Anbieter neutral gegenüber Quelle und Empfänger verhält, und soll eben genau das von dir beschriebene Szenario verhindern. Die Verletzung geschieht genau dann, wenn es der Provider den Anbietern und/oder den Kunden erlaubt, sich aus der Beschränkung für einzelne Dienste freizukaufen. Wenn der Kunde sich generell von der Beschränkung freikaufen kann ("Zahlen Sie +10 EUR im Monat und sie werden nicht gedrosselt.") sehe ich ebenfalls kein Problem in dem Konzept.

    Antwort

  2. HeptaSean
    22/03/2013 um 22:36 Permalink
    Das Beispiel "Facebook" bei DPI ist ein bisschen unglücklich. Das ist ja auch mehr "woher" als "was".

    Der Übergang zwischen Priorisierung aufgrund der Herkunft und DPI ist auch ein bisschen fließender als der Sprung von genereller Bandbreiten-Begrenzung zu Priorisierung durch Herkunft.

    Außerdem: Du stellst die Dämonisierung der angeblichen Telekom-Pläne in Frage, dämonisierst aber DPI. Ist das wirklich gut?

    Mit Priorisierung kann *nur* aufgrund der Herkunft priorisiert werden. Es kommt also, wie Du schön dargestellt hast, zu Deals zwischen großen Playern und Providern, dass ich mir "schnelles YouTube", "schnelles Skype" oder ähnliches dazu kaufen kann.

    Mit DPI wäre es *möglich*, ohne Deals zwischen Inhalts-Anbietern und Providern einfach "schnelle Videos" und "schnelle Voice-Chats" anzubieten: "Lieber Provider! Guck' bitte in die oberste Schicht des Traffics. Wenn es nach Streaming aussieht, möchte ich das gerne so schnell bekommen, dass es nicht ruckelt. Dafür zahle ich dann 3,50 € mehr." Das wäre unabhängig davon, von welchem Anbieter der Traffic kommt und in diesem Sinne neutral. Läuft übrigens teilweise auch unter dem Begriff "Traffic Shaping": http://en.wikipedia.org/wiki/Traffic_shaping#Traffic_classification

    Antwort

  3. Enno
    22/03/2013 um 23:27 Permalink
    Nee, da muss ich dir ausnahmsweise widersprechen. Es ist egal, auf welche Weise, also per DPI oder mit anderen Mitteln, die Netzneutralität gebrochen wird. (Eigentlich ist Netzneutralität sowieso kein Wert an sich, dann ginge nämlich plötzlich kein VoIP und kein QoS mehr, aber steht auf einem anderen Blatt.). Selbstverständlich ist DPI böse. Thema ist hier aber eine Drosselung von Flatrates. Das hat natürlich nichts mit Netzneutralität zu tun sondern allenfalls mit Verknappung von Gütern um den Preis zu erhöhen (ob gerechtfertigt oder nicht, sei mal dahingestellt). Das Problem beginnt in dem Moment, wenn bestimmte Services davon ausgenommen werden, auf den Traffic angerechnet zu werden. In dem Moment gibt es nämlich Dienste erster und zweiter Klasse und genau das stellt einen problematischen Bruch der Netzneutralität dar. Dass in den Mobilnetzen ähnliches passiert ist und keiner drüber gejammert hat, ist nicht der Punkt, zumal ja durchaus drüber gejammert wurde.

    Antwort

  4. lksdj
    24/03/2013 um 19:30 Permalink
    Immer diese Piraten und ihre "Kernthemen". Wenn man schon fordert die Begriffe nicht durcheinander zu bringen, sollte man sich vorher selbst etwas schlau machen m(

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1 Trackback zu "Netzneutralität"

  1. blog.hardware-fuer-alle.de 23/04/2013 um 13:26

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