Google löscht sieben Jahre des digitalen Lebens eines Nutzers und zuckt nur mit den Schultern

Klaus Peukert » 27 Juli 2011 » in Rants » 3 Kommentare

Ihr erinnert Euch: "Google löscht sieben Jahre des digitalen Lebens eines Nutzers und zuckt nur mit den Schultern". Außer dem Twitlonger-Brief des gesperrten Users gab es keinerlei Fakten und dennoch ging das rum wie nix. Klar, bot sich ja an, wo Google eh grad lernend bei der Liveimplementierung ihrer community guidelines von G+ ab und zu übers Ziel hinausschoß. Ich fragte mich schon, wer damals mein "Google plant die Superdatenbank"-Debunking toll fand, verbreitete und flatterte, obiges aber kritiklos verteilte. Waren ne Menge Leute...

Jetzt stellt sich raus, das der gesperrte User ein kleines Detail "vergaß" zu erwähnen: Die Sperrung erfolgte auf Grund eines, sagen wir, "delikaten", Bildes in seinem Account. Stefan Keuchel, Pressesprecher Google Deutschland hat jetzt (da der User inzwischen damit rausrückte woran es wirklich lag) das ganze nochmal offiziell erklärt/erläutert. Jemand lädt ein "barely legal"-Bild in seinen Account hoch und wird (automatisch) gesperrt. Darauf beginnt das große Weinen und weil eh alle grad auf Google rumkloppen nimmt man das zum Anlaß die Sau mit "Google killt sieben Onlinejahre und zuckt mit den Schultern" durchs Dorf zu treiben.

Und das obwohl ausser dem offenen Beschwerdebrief des Users ohne weitere Details nichts, aber auch gar nichts an Fakten bekannt ist (siehe auch die Kommentar bei t3n). Und jetzt? Stellt sich raus, das es nicht wegen Realnamen oder Fakeprofilen sondern wegen nem wohl ziemlich "handfesten" Bild, was selbst der User als "bordering on the limits of what is legally permissible" bezeichnet der Account gesperrt (und nicht *gelöscht*) wurde. Nur dumm, das der arme User diesen kleinen unbedeutenden Fakt vergaß in seiner Beschwerde zu erwähnen...

So, und ich hoffe, das alle, die diesen Fall als Megafail von Google wegen Realnamen breitgetreten haben in Zukunft eben nicht mehr ohne weitere Details draufdreschen. Als ob man aus "Google plant die Superdatenbank" nichts hätte lernen können... Seufz.

Realnamen, Google+ et al und ich

Klaus Peukert » 27 Juli 2011 » in Privates » 1 Kommentar

Ich glaube, mir ist inzwischen klar geworden, warum ich ausgerechnet bei G+ (naja, bei Facebook, XING u.ä. eigentlich auch) so auf Realnamen rumhacke bzw. sie "erwarte", obwohl ich Pseudonyme und Nicknames an anderer Stelle (Twitter, WoW, Foren, IRC, Communities etc.) voll in Ordnung und angebracht finde und selbstverständlich auch nutze (im IRC würde ich wohl nie unter klauspeukert zu finden sein und auch meine WoW-Charakter haben nettere Namen :-)). Hat wohl was mit "Dem Ding mit den Menschen" zu tun und damit, das ich hier nicht mit einer (von ggf. mehreren) virtuellen Identität einer Person, sondern eben mit der "echten" Person dahinter kommunizieren möchte.

Und an der hängt nunmal der "Ausweisname" als "identitätenübergreifendes" Merkmal dran. Aufgefallen ist mir das, als ich gestern so lange Circlevorschläge durchgeackert hab bis Google keine mehr hatte. Ich empfand es selbst bei persönlich bekannten und geschätzten Leuten als "störend" bzw. "unpassend" sie zwar zu finden/wiederzuerkennen, aber eben nur in der Form einer virtuellen Identität und nicht der physischen/echten. Es hat also bei mir wohl nix mit der unsäglichen "Wer nix zu verbergen hat"-Keule zu tun, sondern mit einem Bauchgefühl und dem Wunsch mit der tatsächlichen und nicht der/einer virtuellen Person zu tun zu haben.

Bei Christian Heller im plomwiki hat hat Thomas Maier Ähnliches, wenn auch deutlich flapsiger geschrieben. Von der eher laxen Wortwahl abgesehen glaub ich, das der Punkt, "Es gibt 'einen' Namen, der alle weiteren Identitäten (Spitzname im Sportverein, WoW-Character, Twitter-Nick) vereint", ziemlich valide ist und ich glaube das es das ist, was mich dazu bringt, per "Bauchgefühl" bei Plattformen wie G+ (und halt auch Facebook etc.) den Realnamen als Metakennzeichen und vereinigendes Merkmal aller Identitäten einer Person zu wollen.

Digitale Mantafahrer

Klaus Peukert » 15 Juli 2011 » in Rants » 15 Kommentare

Weils grad durch Google+ und Twitter schwappt: Da werden also Leute in der Google+-Beta gekickt, weil sie sich nach ihrem Twitter-, Blog- oder WoW-Nick nennen wollen. Als Beweis das das unter Googles Namenspolicy fällt wird angeführt, das der Beispiel User "Sebastian Michael Müller" sich auch als "Basti Müller" oder "Michi Müller" anmelden darf. Das soll nun der Freibrief für "Dr. Tod", "Der Ennomane", "plomlompom plomlompom" und weiteres sein.

Weiterhin heißt es, das mancher ja unter seinem Nickname (bei mir: tarzun) besser bekannt ist und man mit dem echten Namen (hier: Klaus Peukert) nichts anfangen kann. Dann gibt es noch das "Für manche ist es notwendig wegen Repressionsschutz"-Argument und die legalistische Linie, die das TeleMedienGesetz (TMG) zitiert, nachdem in Deutschland die pseudonyme Nutzung ermöglicht werden muss. Von mir dazu nur kurz:

  • Wer Angst vor (staatlichen) Repressalien hat oder nicht will, das der Arbeitgeber, die Ex-Frau oder der Stalker bei einem mitliest, dem spuckt der Fakenamegenerator dreimal am Tag eine neue plausible Identität aus, die bei keinem oberflächlichen Betrachter den "Aha, ein Pseudonym"-Reflex triggert.
  • Wenn es darum geht, die Reputation und Prominenz von Twitter und Blog mit "rüberzunehmen", dann bietet Google+ zwei Stellen ("Alias" in den Accountsettings und "Weitere Namen" in den Profilsettings) wo man das zusammenklöppeln kann. Man kann sein Twitterkonto verbinden und unter Links anzeigen lassen und beliebige Webseiten ebenda auch verknüpfen.
  • Auch die Angabe von "aka tarzun" als Beruf ist möglich, das sieht man dann sogar beim Drüberhovern übern Namen. Und man kann, das dürfte wohl unproblematisch sein, seinen Nick als Teil des Vor- oder Nachnamens angeben, also "Klaus 'tarzun'" | "Peukert" oder "Klaus" | "'tarzun' Peukert", was dann ein "Klaus 'tarzun' Peukert" ergibt.
  • Die "Netzidentität" geht also nicht verloren, nur weil man die Felder Vor- und Nachname mit, nunja, dem Vor- und Nachnamen, ausfüllen soll. Zu dieser "Google-Identität" und dem vermutlichen Hintergrund bzw. Lernprozeß bei Google hat Kristian 'isotopp' Köhntopp was geschrieben.
  • Es wird das Äquivalent zu "Pages" und "Fanseiten" geben, wenn man also einen virtuellen Fuchsschwanz will, wird das später gehen.

Man kann also sich sowohl per brauchbarem Pseudonym schützen, man kann seine Netzidentät ebenso brauchbar verknüpfen und man kann sich sogar (zukünftig) einen eigenen Schrein für die Netzpersona basteln. Wo ist jetzt also das Problem? Das man nicht "Der Tarzun" als Vor- und Nachname angeben darf und wenn man das (bewußt!) macht, erstmal abgeklemmt wird? Der Holger Koepke, ein alter Usenethase, der diese Realnamendiskussion ebenfalls schon in mehreren Iterationen erleben durfte hat das Ganze nochmal sehr schön und sachlich zusammengefasst.

Dem ist eigentlich kaum noch was hinzuzufügen. Pseudonyme können wichtig und notwendig sein und es ist wichtig, das man das Netz an sich pseudonym oder anonym nutzen kann. Das Beharren auf seinem Twitternick als "Vornamen" in dieser Beta-Version ist aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr als das Äquivalent zum KENWOOD-Aufkleber und dem Fuchsschwanz an der Antenne.

Google plant die Super-Datenbank

Klaus Peukert » 14 Juli 2011 » in Politisches » 24 Kommentare

So titelte gestern die SZ, die ZEIT ebenso deutlich mit "Google will Nutzerprofile direkt verkaufen". Fefe ist drauf angesprungen und auf Twitter rollt jetzt noch ein Empörungstsunami. Ganz schlimm, was Google da macht. Man sollte es in Googlemort umbenennen. Aber mal im Ernst, was is da dran, is das ne Ente, übertriebene Empörung oder will Google tatsächlich den Adreßhändlern, die unbehelligt und zumindest in Deutschland vom Listenprivileg geschützt agieren, Konkurrenz machen? Glücklicherweise bin ich nicht der einzige, dem das komisch vorkommt.

Die wenigsten von denen, die so locker-flockig den Empörungskreisel am Laufen halten, dürften die Originalquelle der beiden Zeitungsberichte gelesen haben. Ich hab das grob getan und komme zu dem Schluß, das das grade ein feines Beispiel von FUD, dem Spiel mit einer diffusen Datenangst, dem Schüren von Befürchtungen und dem Drücken von ein paar Stichwortschaltern ist. Die Originalquelle jedenfalls gibt das reißerische "GOOGLE VERKAUFT DEINE DATEN AN DEN TEUFEL!!!!" jedenfalls nicht im Entferntesten her.

Wenn ich es richtig verstanden hab, möchte Google seine Werbeplattformen (die haben ja nicht nur AdWords selbst gebastelt, sondern auch mal DoubleClick u.ä. gekauft) konsolidieren. Die erwähnte AdExchange macht normalerweise nichts anderes als Werbeplätze zu verkaufen und zu versprechen, das man die Werbung bestimmten Zielgruppen anzeigen wird (single, white, female, Germany, mag Ponies und Einhörner). So machen das bspw. auch die VZ-Netzwerke und die sind sogar TÜV-gesiegelt und Datenschützer-Approved.

"Google plant die Super-DB" ist also nicht komplett falsch, vermittelt aber den komplett falschen Eindruck, "Google verkauft Nutzerdaten" ist gleich völliger Humbug, wemngleich im Artikel selbst wiederum etwas unaufgeregter berichtet wird und man ihm ohne pulsierende "Datenkrake!"-Halsschlagader entnehmen könnte, das es eben nicht so schlimm ist wie suggeriert. Ja, sogar überhaupt nicht schlimm (es sei denn man findet Werbung an sich des Teufels).

Würde Google jetzt tatsächlich Nutzerdaten verkaufen würden sie sich selber die Schienbeine ihres eigenen Geschäftsmodell zertrümmern. Das dürften die auch ziemlich genau wissen. Daher passen sie mit Argusaugen auf die Daten und haben im Gegensatz zu Regierungen noch keine unverschlüsselten Laptops verloren oder Krankenakten in den Mülleimer hinterm Krankenhaus entsorgt. Letztlich haben und brauchen die das Vertrauen ihrer User, wenn sie das verspielen können sie den Laden dicht machen und wir müssen die Altavista-Bookmarks entstauben.

Hier zeigt sich auch mal schön die Bigotterie in der Empörung. Wenn Adreßhändler tatsächliche Adreßdaten verkaufen dürfen und das sogar noch gesetztlich legitimiert ist (oben erwähntes Listenprivileg), wenn Zeitungsverlage das Heulen bekommen weil sie bei In-App-Abos ihrer coolen iPäd-Apps wegen der Apple-Policy nicht an die Adreßdaten der Käufer kommen und Apple da tatsächlich Daten schützt, dann fegt grad mal ein laues Lüftchen durch die Landschaft, schreit aber jemand "Google verkauft $XY" in den Wald wird dieser von der Empörung direkt brandgerodet. Und das alles ohne mal die Quellen gelesen und hinterfragt zu haben. Es ist echt bitter.

Wenn wir grad von Quellen reden, der "Communications and Public Affairs Manager (B2B)" von Google Deutschland, Klaas Flechsig, hat das auf Google+ gestern hier dankenswerterweise kommentiert, ich bin einfach mal so frei und zitiere ihn einfach:

Melde-Ente. Wir verkaufen keine Nutzerdaten oder -profile und werden das auch in Zukunft nicht tun. Richtig ist, dass wir zusammen mit anderen Werbenetzwerken an Initiativen arbeiten, das Datenmanagement von Interessenskategorien zu vereinfachen, indem die vorhandenen Daten aus verschiedenen Werbenetzwerken auf einer Plattform zusammengefasst werden. Davon profitieren nicht nur Werbetreibende, sondern auch die Nutzer selbst - die dann zum Beispiel an einer einzigen Stelle für alle Werbenetzwerke aus interessenbasierter Werbung ausopten könnten, statt dies in allen Netzwerken einzeln tun zu müssen. Noch einmal: Es geht NICHT um persönliche Nutzerdaten, sondern um Interessenskategorien. Die Headline ist schlichtweg falsch!

Klar soweit?

Nachtrag I: Christiane Schulzki-Haddouti hat auf G+ zähneknirschend eingestanden, das die Headline tatsächlich ne Luftnummer war, findet man hier in den Kommentaren (der von 9:18).

Nachtrag II: Der Beitrag in dem Klaas Flechsig und Christiane Schulz-Haddouti kommentierten, wurde leider nicht Public sondern nur an die Kreise des Posters geteilt. Sorry.

Nachtrag III: Die ZEIT hat den Artikel jetzt angepasst und damit zur Ursprungsfassung deutlich entschärft, sowie um ein erklärendes Nachwort versehen.

cronjob