So. Ich habe den Landtag geentert. Hooray. Naja, für knapp vier Stunden war ich bei den Grünen im bayerischen Landtag
zu Gast und habe mit deren Podiumsdiskussion zu Wikileaks angesehen. Zu
Gast waren Frau Tausendfreund (MdL, Grüne), Herr Tillack (Stern), Herr
Mittenzwei (CCC München), Frau Gote (MdL, Grüne), Herr Petri
(Bayerischer DSB) und Frau Kamm (ebenfalls Grüne MdL). nach den Formalia
durften die Referenten kurz, nunja, referieren. Vorher beschrieb Frau
Tausendfreund noch fix die grüne Position im Hinblick auf Transparenz,
Informationsfreiheit und die Probleme, die der politische Alltag so mit
sich bringt.
Von
Tillack habe ich an der Stelle nur noch in Erinnerung, das er Wikileaks
und Leaken an sich ne tolle Sache findet, das aber nur funktionieren
kann, wenn man mit der Presse und "echten" Journalisten zusammenarbeit.
Beispiel waren die Tollcollect-Verträge wo er involviert war und aus den
10k Vertragsseiten nen Zweiseiter im Stern basteln durfte. Diese
Position "Wikileaks gut, aber nichts ohne Journalismus" zog sich bei ihm
konsequent durch.
Mittenzwei
erklärte dann erstmal, das der CCC mit WL nix zu tun hat und begrüßte,
das WL das Thema Transparenz durch seine Aktionen in den Mainstream
transportiert hat. Für die Zukunft sah er Bedarf nach mehreren
unterschiedlichen Leakplattformen und unterschied beim Leaken zwischen
zwei Aspekten, einmal dem technischen/politischen der Notwendigkeit
den Informantenschutz zu gewährleisten und erwähnte hier die VDS als
Risiko für diesen Schutz. Zum anderen sah er eine Komponente in der
rechtlichen und journalistischen Bewertung der Leaks, weil der Konsument
keine Zeit hat müsse der Journalismus das entsprechend aufbereiten. Zum
Abschluß den Zuruf an die Politik, das diese sich an Leaks et al
gewöhnen müsse und die Gegenüberstellung von OpenGovernment (Top-Down)
und Wikileaks (Bottom-Up).
Der
bayerische DSB (der eher "schwach" und etwas dünnbrüstig rüber kam)
verwies auf die ollen Griechen, die bereits wußten, das Geheimnisse nach
Veröffentlichung drängen, was man an "Tramleaks" (mein Begriff) sähe,
wo grüne MdL "zufällig" interessante Dokumente in der Tram gefunden
haben. Wo die Grenzen des Leakens sind konnte er och nicht sagen. Sein
Ideal wären vernünftige Leser, die die Informationen verantwortungsvoll
nutzen. Die Rolle der Presse sah er im Aufbereiten und "Meinungsbilden",
was nur bei pluralistischer Presse (also nicht im Staate Berlusconi)
möglich sei. Zum Schluß deutete er seinen Wunsch nach einer Art
"Regulierung der Hackerethik" an, das war dann etwas strange.
Tillack
erwiderte ihm und legte einen Realitätsabgleich nahe, eine
(gesetzliche, gar nationalstaatliche) Regulierung von Leakplattformen sei nicht möglich. Wegen Internet eben. Wikileaks (hier ab sofort für
"Leakingplattform") solle die Privatsphäre achten, ansonsten ohne
Rücksicht auf Verluste publishen. Die Hackerethik eben. Petri erwiderte,
das er weniger ein Gesetz als eine Art Selbstverpflichtung meinte (find
ich auch strange) und verwies auf die anonymen Anzeigeplattformen der
Polizei Niedersachsen (die, so Tillack, von den Bayern übrigens
empfohlen werden, damit das über die Amtshilfe auch Bayern zur Verfügung
steht...).
Petri
wandte sich ziemlich deutlich ("Da krieg ich Pickel") gegen solche
Plattformen (basicaly Webseiten, bei denen man anonym eine Anzeige
aufgeben kann), weil durch die Anonymität dem Mißbrauch Tür und Tor
geöffnet sei und außerdem sei das verfassungsrechtlich sehr bedenklich.
Das war für mich schon sehr "WTF?", denn die Alternative wäre ja die
Axel-E-Fischersche Klarnamenpflicht für solche Webseiten. Warum der
bayerische Landesvorstand der Piraten dort applaudierte erschloß sich
mir auch nicht, um es mal diplomatisch auszudrücken.
Frau
Gote machte dem DSB dann deutlich, das gesetzlich Regelungen, wenn
überhaupt, nur für den Schutz der Leakplattformen möglich/notwendig
seien und nicht zur Regulierung derselben. Wenn ich @einfachBen glauben
darf erzählte der DSB dann eher Unsinn zum Cicero-Urteil des BVerfG und
meinte das Staaten ohne Geheimnisse nicht arbeiten können, wenngleich
die Geheimhaltung übertrieben sei, so sei alles was ihm als DSB bisher
als Verschlußsache unterkam unkritisch. Auf Wikileaks hat er es offenbar
trotzdem nicht gestellt, naja...
Nächster
WTF-Moment war dann Petris Erwiderung auf Tillack (der meinte, er müsse
schon sehr lange nachdenken bis ihm ein schützenswertes Staatsgeheimnis
einfallen würde), wo ausgerechnet der Verfassungsschutz-Mann, der
ausgerechnet eine islamistische (Terror)Gruppe infiltrieren soll
geschützt werden muss. Die Islamusmuskeule, ja geil. Erst die Russen,
dann der Saddam und jetzt die Islamisten. Ohne Feindbild gehts wohl
nicht. Aber er könne da nicht anders, als "Rechtspositivist" müsse er
für schutzwürdige Interessen eines Staates einstehen.
Mittenzwei
schlug vor, das man doch mal wenigstens die 99% unkritischen
Dokumente staatlicherseits publishen könne, über das restliche 1% redet
man halt danach weiter. Es ging dann weiter mit Zuschauerfragen. Der Erste zerlegte dann mal eben fachgerecht Zensursula und Co. und fragte
den DSB, wie er denn gedenke, angesichts der Netzneutralität, gewünschte
Regeln überhaupt (technisch) umzusetzen. Die Antwort war eher dünn,
auffällig nur die Ablehnung von Netzsperren als "nicht nachhaltig
nützlich", andere Techniken wären also wohl kein Problem, so mein
Eindruck (dazu später noch was). Der CCC warnte noch vor einer
Instrumentalisierung Wikileaks' als Vorwand für Zensurmaßnahmen oder
Anti-Netzneutralität-Dinge.
Ben
Stöcker filetierte dann den DSB in Bezug auf das Cicero-Urteil und
erinnerte an die Gefahr für WL, die von dem Urteil nicht geschützt
seien, obendrein ging an die Grünen die Frage wie man zur Anzeige der
Staatskanzlei(?) stehe, die im Rahmen des BayernLB-Leaks wohl gestellt
wurde. So genau konnte man das nicht beantworten, aber die Grünen waren
da erfrischend ehrlich. Der ehemalige Präsident des Patent- und
Markenamtes in München beklagte dann den politischen Druck auf die
Verwaltung, er selber wäre gerne transparenter gewesen. Beispiel waren
übrigens die Fußball-Weltmeisterschaften, wo insb. die Durchsetzung der
FIFA-Rechte wohl auch politisch "unterstützt" war.
Funfact
dann seitens Tausendfreund, die Standorte der 950 neuen
Polizeifunkmasten (ging um BOS, nehm ich an) seien ein Staatsgeheimnis,
da lege das BMI sehr hohen Wert drauf. Man befürchte wohl Anschläge...
Ein Zuschauer fragte dann nach der Geschichte beim Bistum Regensburg,
das nen Blogger (?) verklagt weil er Mißbrauchsgeschichten aufdeckte.
Der CCC musste dem Podium dann erstmal den "fliegenden Gerichtsstand"
erklären :-) (den lehnen wir Piraten übrigens ab).
Der
Zensursula-Filetierer (Beruf: Patentanwalt. Argumentativ: Pirat :-) ) von oben sprach dann nochmal "Print" an und
diagnostizierte baldiges Ableben, da die "Netz-Publikative" die
"Standardzeitung" überflüssig machen würde. Interessanterweise sprach er
die Intransparenz der ACTA-Verhandlungen an, die an der WIPO vorbei
stattfanden und lobte das (europäische) Markenamt als vorbildlich
transparent. Tillack widersprach wenig überraschend und sieht immer noch
die Notwendigkeit der "Gatekeeper"-Funktion der klassichen Medien. Dann
wurde es lustig:
Nach
einer guten Frage bzgl. Whistleblowing am Arbeitsplatz barmte eine
Zuschauerin ob der fehlenden Möglichkeit von Netzsperren mit der
typischen Maude-Flanders-Argumentation ("denkt denn keiner an die
Kinder"). Das Saalpublikum schien die Unsinnigkeit von Netzsperren
verstanden zu haben, das wurde ziemlich deutlich :-) Der DSB erklärte
dann sehr gut die Unsinnigkeit von Netzsperren, was im Applaus der
Piraten aber unterging war seine Aussage, das die DNS-Sperren "billig,
aber nicht effektiv" wären. Ob wer mitbekommen hat, das der Mann mit DPI
(Deep Packet Inspection) dann ggf. kein Problem hätte?
Zum
Whistleblowing bedauerte Petri, das die vorgeschlagenen
Gesetzesänderungen schlicht im Sande verlaufen sind und kritisierte
sogar das BDSG nach dem man für die Afdeckung von Mißständen in
Betrieben erstmal im Betrieb selbst "petzen" soll. Seltsam dann wieder
die Position, das Betriebe "Grundrechtsinhaber" seien, was wegen der
Verhinderung von Industriespionage etc. notwendig wäre. Das war dann WTF
Nummer drei für mich. Der CCC bashte dann noch fix die Parabel vom
"rechtsfreien Raum" und machte klar, das man echte Kinderpornos
innerhalb von minuten per Mail ausm Netz kicken kann.
Interessant
dann noch der Einwurf von Tillack, der anmerkte das bei privaten Daten
gegenüber einem öffentlichen Interesse abgewogen werde, bei
betrieblichen Daten diese Abwägung zu Gunsten der Betriebe nicht
vorgesehen ist. Tausendfreund sprach sich dann nochmal dafür aus, das
die öffentliche Hand und PPP-Verträge stets öffentlich und transparent
zu sein haben und dann wars nach ner Zusammenfassung von Frau Kamm (die
bis dato nur zuhörte) zu Ende.
Was
mich persönlich am Rande gestört und irritiert hat war das
(Online-)Verhalten von Meister Sekor, seines Zeichens Landesvorsitzender
der Bajuwaren, der zu Beginn der Veranstaltung gleich mal den Gastgeber
per Twitter disste und unterstellte die Frauen da oben säßen wegen der
Quote und die Grünen würden niedlicherweise mit unseren Positionen werben um unsere Wähler abzufischen.
Erstens
ist es eine bodenlose Unverschämtheit, den drei Damen aufm Podium (es
waren noch zwei weitere (weibliche!) Landtagsabgeordnete da, darunter die
grüne Landtagsvize im Publikum und kein (offizieller) männlicher Grüner.
Diese inverse Diskriminierung von Gote, Tausendfreund und Kamm als
reine "Quotentussis" läßt mich einfach sprachlos zurück, weil alles was
mir dazu einfällt wohl gefundenes Fressen für die Pressekammer Hamburg
wäre. Das ist und war schlicht respektlos.
Zweitens
ist es nicht falsch, den Grünen klar zu machen das zwischen netten
Flyern und tatsächlichem politischem Handeln ein Zusammenhang bestehen
sollte. Diese da an den Tag gelegte "Nur wenns von uns kommt ist es
richtig"-Attitüde piept mir aber gewaltig an. Bestenfalls macht man sich
nur als politischer Gschaftlhuber lächerlich, schlechtenfalls verspielt
man sich die Chance auf Zusammenarbeit, sollte man tatsächlich 2013 mit
5%+x im halben Dutzend in den Landtag ziehen. Kann man mal erwachsen
werden?
Man
hätte hier im Rahmen ner Frage dagegen durchaus paar Piratenpositionen
anbringen können, etwa die Ablehnung des fliegenden Gerichtsstandes oder
die Beschlüsse zum Whistleblowing. Da es aber nicht um BGE oder
LiquidFeedback ging, blieb man aber ruhig. Man hätte die Grünen ja auch
zur Zusammenarbeit in den Bereichen einladen können. Naja, fairerweise
die Anmerkung, das ich wegen Arbeit gleich danach verschwunden bin, was
bei der Afterhour noch ging, weiß ich daher nicht.
Egal. Es war ne interessante Veranstaltung, auch wenn ich vermutlich ohne den Besuch sicher nicht schlechter schlafen würde.